„Das bewegte Klassenzimmer“ – Mitmachakademie

„Ganz arg zufrieden“, mit seiner Schule ist Vincent , „am Freitag gibt es nie was auf.“ Und der Drittklässler relativiert: „Außer in Russisch“. Vincent und seine Schwester gehen in die Rudolf-Steiner-Schule. Sie sind „Quereinsteiger“. Heute begleitet er seinen kleinen Bruder, dieser wird im September eingeschult. Die Eltern der zukünftigen 1. Klasse sind zur „Mitmachakademie“ eingeladen. Und so begibt sich die Familie an einem Samstagmorgen zum Festsaal der Schule. Sie wollen ihr Wissen der Waldorfpädagogik vertiefen, und, den Hauptunterricht einmal selbst erleben. Der Vater insbesondere das Fach Eurythmie.

Mit ihnen jede Menge zukünftige Erstklässler nebst Eltern. Nach einem gemeinschaftlichen Begrüßungskanon werden die Kinder vom Hortteam der Schule in Empfang genommen.„Schön, dass Du da bist“, „Ach, Du bist …“, wird jeder einzeln per Handschlag begrüßt, während sich die Erwachsenen ins künftige Klassenzimmer begeben.

„Die Mitmachakademie ist entstanden, um den Eltern die Waldorfpädagogik noch näher zu bringen. Eine gute Gelegenheit die Hintergründe zu vermitteln.“ Wie auch die Unterschiede zu Regelschulen. Auch wenn man sich bereits entschieden habe, wüssten die Lehrer um etwaige Unsicherheiten mancher Eltern. Immerhin hätten die Waldorfschulen noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen, die zumeist aus Unwissen entstünden. Diesem Druck möchte man vorbeugen.

Andrea Härty, Lehrerin der 2. Klasse an der eingliedrigen Gesamtschule, empfängt mit dem obligatorischen Morgenspruch, wie an jeder Waldorfschule. Dieser, vom Klassenlehrer individuell ausgesucht wird mit Bewegung aufgesagt. „Waldorfpädagogik ist nicht nur kognitives Lernen, Kopf-Herz-Hand sollen angesprochen werden.“

Ähnliches will das „Bewegte Klassenzimmer“. Es basiert auf der Erkenntnis des kindlichen Lernens als Spiel- und Bewegungslernen. Angesichts eines allgemeinen Trendes zu Bewegungsarmut und –einseitigkeiten wurde ein Konzept entwickelt, das soziale, kreative und konzentrierte Unterrichtsformen verbindet. Dieses offenbart sich unter anderem im Mobiliar der 1. und 2.Klasse: Bänkchen und Kissen statt Tischchen und Stühlen dominieren hier den Raum. Und werden nun von den Eltern umgedreht, um darauf zu balancieren, was paarweise leichter fällt. Und nicht nur das Gleichgewicht trainiert, sondern auch das soziale Miteinander. Nach dem rhytmischen Teil des Unterrichtes kommt der Arbeitsteil, werden die Bänke zu Reihen formiert, Kissen zu Sitzgelegenheiten. Ruhe zieht ein.

Man lauscht den Erklärungen zum Epochenunterricht. Drei Wochen lang bekommen Waldorfschüler in der ersten Doppelstunde eines Tages Unterricht im gleichen Fach. In der ersten Epoche üben die Erstklässler Formenzeichnen. Zum Beispiel: Krumme und Geraden zeichnen. Da manche Eltern das so noch nicht kennen, weist die Lehrerin darauf hin, dass dies mit Willensstärkung zu tun hat, mit Sorgfalt dranzubleiben, durchzuhalten. Das sei gerade heute wichtig.

Die zweite Epoche widmet sich den Buchstaben. Und verbindet diese in der Waldorfpädagogik mit Geschichten plus einem dazugehörigen Bild, das an die Tafel gemalt und dann ins Heft übertragen wird. Im übrigen werden selbst die Zeilen im Heft von den Kindern gezogen. Buchstaben also nicht nur klischeehaft getanzt, sondern auch geschrieben und gemalt. Ins Heft, in die Luft, an die „Zaubertafel“ (die Hand).

Dazu hat man Zeit. Mehr als anderwo. Die Lehrer geben sie den Kindern und reagieren auf verwunderte Anfragen mit Humor. Wenn Andrea Härty hört, „Dein Kind ist doch eigentlich ganz intelligent“, dann lacht sie und stimmt zu: „Ja, wir haben pfiffige und clevere Kinder“. Denen man aber auch Zeit gäbe. Oder: „Wurden Sie jemals gefragt, wann Sie lesen gelernt haben?“

Ähnlich spielerisch erschließt man sich die Zahlenwelt. Auch hier Blanko-Arbeitshefte. Beim Einmaleins in der ersten Klasse geraten Zahlen in Bewegung, werden beim Hüpfen erlebt, Mithilfe eines Xylophons Töne gezählt. Alle Sinne spielen eine Rolle.

Zum Ende jeden Hauptunterrichts in den ersten 5 Schuljahren gehört der Erzählteil, die 1.Klasse beispielsweise hört Märchen. Sie werden vom Klassenlehrer so lebendig erzählt, dass die Kinder sie in inneren Bildern erleben können.

Apropos: Sowohl den Hauptunterricht als auch die Fremdsprachen (Englisch und Russisch) erlebt die Klasse zusammen, in den Nebenfächern, werden die Kinder in zwei feste Gruppen aufgeteilt.

Nicht nur dies erfuhren die interessierten Eltern, die auch Aquarelle anfertigten oder das Handarbeiten testen konnten. Sondern auch alles über diverse Schul-Abschlüsse, sowie den Hintergrund der beiden Fremdsprachen.

Vincents Familie war zufrieden. Den Vater beeindruckte, wie meditativ und zugleich anstrengend die Eurythmie war. Das Resümee der Familie eindeutig, man ist glücklich darüber, dass die Kinder „in so einem kindgerechten, beschützten Rahmen lernen dürfen, um so zu selbstbewussten, vielseitig interessierten und offenen Erwachsenen heranreifen zu können.“ Und wenn der Jüngste in die Schule käme, werde man wieder dabei sein.