Impressionen

Die fliegende Bahnfahrt der Begegnung

„…Bilder aus meiner Kindheit, wie ich mit meinem Opa Ratatouille esse, wie ich mir zum ersten Mal in den Finger schnitt, der Autounfall, Wodka, falsche Freunde und Emilia. Bei ihr bleibt das Bild stehen. Ich sehe uns beide von oben, wie wir auf dem Boden liegen. Ich fliege.“

Fliegen. So nennt sich eine der vielen Kurzgeschichten, welche die Schüler der 10. Klasse in ihrer letzten Deutschepoche unter der Leitung von Frau von Beyme für eine Anthologie geschrieben haben. Jeden Morgen wurde den Schülern eine halbe Stunde Zeit gegeben, um ihre Geschichten zu erfinden, zu schreiben und am Ende der Klasse vorzustellen. Den Autoren, die jeweils die ersten drei Plätze für die besten Kurzgeschichten belegten, steht es nun zu, diese zu veröffentlichen und den Leserinnen und Lesern drei kurze Momente zu schenken.

 

Fliegen

Ich blickte noch einmal in den blauen Himmel. Sie reichte mir die Tabletten und lächelte mir aufgeregt entgegen. „Na los, lass uns fliegen gehen.“ Ich schob mir die Tablette unter meine Zunge und nahm ihre Hand. Wie wir da im Schneidersitz saßen, musste ich unerwartet anfangen, laut zu lachen. Sie öffnete ihre braunen Augen, die sie zuvor geschlossen hatte, schaute mich an und stimmte in mein Gelächter ein. Auf einmal fing die Welt sich schnell zu drehen an. Ich war froh, dass ich Emilias Hand noch immer festhielt. Ihre Augen zeigten für einen kurzen Augenblick Angst, doch schnell war der Ausdruck wieder verschwunden. Ich schloss meine Augen und legte mich auf den Rücken. Vor meinem inneren Auge zogen plötzlich Bilder vorüber. Bilder aus meiner Kindheit, wie ich mit meinem Opa Ratatouille esse, wie ich mir zum ersten Mal in den Finger schnitt, der Autounfall, Wodka, falsche Freunde und Emilia. Bei ihr bleibt das Bild stehen. Ich sehe uns beide von oben, wie wir auf dem Boden liegen. Ich fliege. Fliege hoch über uns. So hatten wir es uns ausgemalt. Wir sehen friedlich aus, glücklich. ‚Das ist die Zukunft‘, denke ich. Geborgenheit ist das Letzte, was ich fühle, bevor ich in einen tiefen Schlaf falle.

 

Begegnung

Es ist noch viel zu früh! , dachte ich, als die Stimme meines Vaters durch die Tür, in mein Zimmer und zu mir drang. Ich, das war zu dem Zeitpunkt ein sich unter der Decke versteckendes Bündel an schlechter Laune, die sich für den Moment voll und ganz auf die Person konzentrierte, die mich aus meinem wunderschönen Traum gerissen hatte. Eigentlich wurde ich aber Maya Köster genannt; ein normales Mädchen, 15 Jahre, schulpflichtig, die eben das morgendliche Aufstehen als Ausnahmesituation einstufte. Ich sagte ja: Normal. 

Als die vertraute Stimme erneut rief, schlug ich schließlich die Decke zurück. Das war es dann allerdings auch schon mit meiner Bewegungsbereitschaft. Und so lag ich im Bett und starrte die Zimmerdecke an. Nach und nach begannen meine Gedanken zu wandern. Zum bevorstehenden Tag, anders als vielleicht die meisten vermuten würden, war es nämlich kein Schultag, es waren sogar Ferien. Warum ich dann trotzdem früh aufstehen musste? Ganz einfach, meine Eltern hatten beschlossen, in den Pfingstferien in die Berge zu fahren. Pfingstferien, die dieses Jahr noch dazu sehr spät lagen. Die meisten aus meiner Klasse sind in irgendwelche südlich gelegenen Länder gefahren und genossen an diesem Tag vermutlich die Sonne, das Meer oder ein Eis. Aber ich hing hier in was weiß ich wie vielen Höhenmetern herum und musste, um eine dämliche Gondel zu erwischen, die mich auf einen noch höheren Berg und zu einer dreistündigen Wanderung bringen würde, früh aufstehen. 

Apropos aufstehen, mit einem Blick auf die Uhr sprang ich fluchend aus dem Bett und förmlich in meine Klamotten hinein. Dann öffnete ich, schon deutlich wacher als noch vor fünf Minuten, die Tür. Meine Laune verbesserte sich auch, als ich das Rührei roch, das in der Pfanne brutzelte. Inzwischen fröhlich summend ging ich ins Bad und machte meine Haare. Wieder zurück in der Küche half ich meiner Familie, den Rest des Tisches zu decken.  

Natürlich waren wir zu spät an der Gondel und so drängte ich mich schließlich um 8:30 Uhr mit, so kam es mir zumindest vor, tausend anderen Leuten in einer Kabine und hatte bei jedem Masten das Gefühl, die Seile würden reißen. Da die Bergstation sehr hoch lag und die Fahrt deswegen relativ lange dauerte, konnte ich die anderen Passagiere zur Genüge mustern. Ich beobachtete gerne Leute, nicht, um sie in Schubladen zu stecken oder sie in irgendeiner Weise zu beurteilen, sondern viel mehr, weil ich es interessant finde, wie sich andere Menschen verhalten.

„Du tust es schon wieder!“, zischte meine kleine Schwester, „gaff nicht immer so.“ 

Ich lächelte über ihre Bemerkung. „Wie willst du wissen, dass ich gaffe, es sei denn, du hast mich selbst die ganze Zeit beobachtet?“, entgegnete ich. Auf meine Antwort hin verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah stirnrunzelnd aus dem Fenster. Als ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Menge richtete, bemerkte ich, dass jemand zurückblickte. Kurz war ich irritiert, doch dann lächelte ich freundlich. Das Paar blauer Augen wandte sich ab und auch ich ließ meinen Blick weiter streifen, nicht weiter auf das eben Geschehene achtend. 

Endlich oben angekommen, verloren wir auch keine Zeit und begannen mit dem Aufstieg. Wir gingen in unserer normalen, nicht festgelegten Reihenfolge. Meine Eltern bildeten den Schluss, dann kam meine Schwester und ich ging stets voraus. Die Minuten verstrichen und als ich schließlich den Ruf hörte, dass wir rasten wollten und ich nach einem geeigneten Platz Ausschau halten sollte, hatten wir bereits ein deutliches Stück eines Bergkamms überquert und standen nun kurz vor einem steilen Aufstieg. Flink kletterte ich um einige Felsen herum und fand die erwartete kleine Fläche auf der windgeschützten Seite des Berges, die ich von weiter vorne bereits bemerkt hatte. Von dem Ort aus hatte man eine wunderschöne Aussicht über die Berge und das Tal. Nach dieser Pause folgte eine halbe Stunde Kletterpartie, die ich meinerseits sehr genoss, meine Schwester überwand sie eher jammernd. Dann noch ein kurzer Marsch über ein steiniges Plateau und wir waren am Gipfelkreuz. Wie der Berg hieß, den wir soeben erstiegen hatten, hatte ich bereits wieder vergessen, bestimmt war es irgendwas mit Joch oder Spitze. Oder aber es war ein völlig anderer Name wie… der Zuckerhut. 

Wie auch immer, wir alle kamen schließlich oben an. Auf dem Gipfel wimmelte es bereits von anderen Wanderern. Lily, meine Schwester, lief sofort zum Kreuz und zerrte das Gipfelbuch heraus. Den obligatorisch nicht funktionierende Kuli schon aus Gewohnheit ignorierend, rief sie nach meiner Mutter und forderte einen Stift. Und natürlich durfte Ich ihn meiner Schwester bringen, gerade als ich es mir auf einem Felsen bequem gemacht hatte. Mit einem Seufzer stand ich auf und nahm meiner Mutter den gewünschten Stift aus der Hand, trottete zu meiner Schwester und gerade, als ich ihr ihn geben wollte, stieß ein anderer Wanderer gegen mich. Um mich an einem nahe gelegenen Felsen abzufangen brauchte ich jedoch beide Hände. So kullerte der Stift über die Steine und drohte in die Tiefe zu fallen, doch dann hielt ihn ein grauer Wanderschuh auf. 

Gerade, als ich meine leicht aufgeschürften Hände betrachtete, merkte ich, dass jemand vor mir stehen blieb. Ich sah von den Wanderschuhen zu den blauen Augen der vor mir stehenden Person. „Ist das deiner?“

 

Die Bahnfahrt

Die Bahn fährt in die Station ein. Einige Menschen verlassen sie, ein paar steigen ein. Unter ihnen ein junger Mann, der nun mit müdem Gang auf eine freie Bank zugeht und sich hinsetzt. Seine kurzen Haare hat er zurückgekämmt, verunsichert fährt er sich durch die Frisur. Kraftlos nimmt er die schwarze Umhängetasche ab, seine Körperhaltung hat keine Spannung. Nachdem er kurz zur Ruhe gekommen ist, sieht er sich um. Sein teilnahmsloser Blick durchstreift das Abteil. Es sind nicht viele Leute dort, eben die Üblichen.

Eine alte Dame sitzt ihm schräg gegenüber. Zu ihren Füßen stehen volle Einkaufstüten, an welchen sie wohl schwer zu tragen hat. Als der Unscheinbare sie ansieht, bemerkt es die Frau und grüßt freundlich zurück. Weiter hinten sitzen ein paar Männer, die mit ihren Smartphones  beschäftigt sind. So nimmt er nun wahr, dass auch die zwei Mädchen, anstatt sich zu unterhalten an ihren Handys spielen. Doch so ist das heute. Er wird sicher auch gleich sein Handy zur Hand nehmen, einfach nur, um nicht so allein auszusehen. Doch so fühlt er sich wie ein Versager, den keiner wirklich ernst nimmt.

Eine hübsche Frau, schick gekleidet, schiebt ihr Fahrrad langsam zur Tür. Die Bahn hält und so verlässt sie diese. Der Lautstärkepegel hebt sich gewaltig, da eine Gruppe Jugendlicher das Abteil betreten hat. Ihre Musik ist laut, ebenso wie ihr einfältiges Gerede. Dies scheint auch einen Mann zu stören, der die Jungs nun auffordert, leiser zu sein.

Ein Dunkelhäutiger nimmt neben dem immer noch erschöpft wirkenden jungen Mann auf der freien Bank Platz und beginnt eine Zeitung aufzuschlagen. Währenddessen sieht dieser  aus dem Fenster und beobachtet das Treiben am Bahngleis.

Gerade noch, bevor sich die Türen schließen, huscht eine junge Frau hinein. Sein Blick folgt nun ihren Schritten, bis sie sich bei einer Mutter, die genervt ihr Kind ermahnt, niederlässt. Aus irgendeinem Grund kann er sich von nun an nicht mehr von ihr abwenden. Sie wirkt so anders als alle anderen. Ihr Haar ist verwuschelt und ihren Rucksack nimmt sie auf den Schoß. Den Kopf hat sie nach unten geneigt, nicht ein Mal sieht sie auf.

Mit einem Ruck setzt sich die Bahn in Bewegung. So vergehen Minuten. Sie nähert sich der Endstation und von Halt zu Halt wird die Bahn immer leerer. Nur der junge Mann und das auf den Boden blickende Mädchen befinden sich noch in diesem Abteil. Bei einer Haltestelle steht das Mädchen plötzlich auf und steigt schnell aus.        

Für einen Moment überlegt er, ihr zu folgen, doch kann er sich anscheinend nicht dazu überwinden. Als er sich endlich entschließt, aufsteht und auf die Tür zugehen will, fällt diese jedoch zu.

Geknickt blickt er erneut aus dem Fenster. Während die Bahn zu rollen beginnt, bleibt die junge Frau stehen, dreht sich dem Fenster zu, hebt ihre Hand und winkt dem Verdutzten nach.

War das wirklich passiert? Hätte er ihr folgen sollen? Bei der nächsten Station verlässt auch er bedrückt den Zug. Als auf der gegenüberliegenden Seite die Bahn zurück in die entgegengesetzte Richtung einfährt, lenken ihn seine Schritte in diese hinein. Und mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck und dem Gefühl, das Richtige getan zu haben, steigt er beim ersten Halt aus.

Sein Blick schweift über das umliegende Gelände. Aber natürlich ist dort keine Spur mehr von der Geheimnisvollen, die ihn innerlich so beschäftigt.

Was hatte er erwartet? Dass sie dort drüben auf einer Bank sitzen und auf ihn warten würde?

Enttäuscht sieht er auf zur Anzeigetafel. Noch vier Minuten bis zur nächsten Bahn.

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Schulbüro